Contact in the In-Between – ein Experiment mit Contact Improvisation
Angeleitet von Sabrina Diesler
Wir kamen im Raum rund um die Zugbrücke zusammen, die zwischen Hafenpark und EZB-Gelände liegt. Zunächst war dieser Ort nur als loser Treffpunkt gedacht. Doch schnell zeigte sich, dass der Bereich nicht nur ansprechend und inspirierend war, sondern auch Rückzug ermöglichte. Unterschiedliche Menschen kamen vorbei: Kleinfamilien beim Spaziergang, Sportler*innen auf dem Weg zu den Krafttrainingsstationen, nebenan fand im Skatebereich ein Kindergeburtstag statt. Der Ort war belebt, aber nicht überfordernd.
Ein Anfang im Schatten der jungen Bäume
Wir begannen mit einem Ankommen und Aufwärmen auf dem Rasen zwischen einigen jungen Bäumen. Obwohl sie noch klein waren, boten sie bereits leichte Schattenräume und schufen einen konzentrierten, ausreichend geschützten Rahmen für unsere Achtsamkeitsübungen. Zunächst richteten wir unsere Aufmerksamkeit nacheinander auf alle Sinne. Von dort wanderte die Wahrnehmung nach innen, in unser eigenes Erleben, und tastete sich dann langsam wieder nach außen: bis zur Hautoberfläche, zu Sonne, Wind und Kleidung auf der Haut.
Vom Detail zum Großen Ganzen und zurück
Nach und nach gingen wir in Bewegung über. Wir kamen in Kontakt mit unseren Händen, Handgelenken und Armen, schließlich mit dem ganzen Körper – in Berührung, in Bewegung und in Beziehung zum Raum. Danach erkundeten wir die Umgebung etwas ausschweifender. Unsere Aufmerksamkeit richtete sich auf etwas, das unseren Blick fing: einen Gegenstand, eine Pflanze, ein Tier, ein architektonisches Element. Wir fokussierten uns intensiv darauf, widmeten uns diesem einen Detail und gingen dann langsam ins periphere Sehen über, also in ein „Rauszoomen“, bei dem die Umgebung zusätzlich wahrnehmbar wurde.
Dabei zeigte sich, dass die periphere Wahrnehmung durch den vorherigen Fokus mitgeprägt wird. Wenn etwa ein gelb-schwarz gestreifter Poller betrachtet wurde, traten im peripheren Sehen plötzlich alle gelben und schwarzen Elemente stärker hervor. Wir erforschten dieses Phänomen anhand einer Biene, eines Grashalms, einer Taube, eines Baumblatts, einer Mauer, einer Brücke und einer Skulptur.
Für ein erstes Sharing setzten wir uns auf den weichen Rasenboden. In dieser offenen Runde konnten Erlebnisse, Gedanken und Gefühle freiwillig geteilt werden. Zwei große Jogginggruppen mit lauter Technomusik unterbrachen unseren Reflexionsmoment auf eine überraschend lustige Weise und erinnerten uns daran, dass wir Teil eines lebendigen öffentlichen Raums waren. eine weitere Gruppe hing ein riesiges Akrobatik-Tuch an der Brücke auf, das wunderschön durch den Wind hin und her bewegt wurde.
Zwischen Duo und Solo
Anschließend arbeiteten wir in Zweierteams weiter. Auf der Wiese nahm jeweils eine Person die Bewegung der anderen wahr und bewegte sich dazu, während sie gleichzeitig mit ihrer Aufmerksamkeit bei der anderen Person blieb. Nähe und Distanz, Bewegung und Stillstand, Schnelligkeit und Langsamkeit konnten frei nach Lust, Impuls und Wahrnehmung gestaltet werden. Wir nahmen uns die Zeit Pausen und Stillstand zuzulassen und auch mal einer Bewegung geduldig nachzugehen, die sich eventuell komisch anfühlte.
Dazwischen in der Schilf-Skulptur
Nach einem Perspektivwechsel verlagerten wir unsere Erkundung zu einem Kunstwerk, das wie eine Gruppe überdimensionierter Schilfhalme wirkt. Dort spielten und forschten wir mit den Impulsen, die durch diesen Ort entstanden. Wir bewegten uns erneut in zueinander bezogenen Übungen, diesmal mit den Säulen als zusätzlichen Bewegungspartnern. In einer Paarübung führte eine Person die andere durch leichte Berührung an den Handflächen. Die geführte Person schloss die Augen. Die führende Person lenkte sich und die andere behutsam und spielerisch durch die Stäbe hindurch, vertikal an ihnen entlang, um sie herum und an den anderen Tanzenden vorbei.
“Was machen Sie da?”
Ein freundliches Passantenpaar blieb interessiert und neugierig stehen. Bei Kindern würden wir uns kaum wundern, wenn sie einen Ort über ihren Körper und durch Bewegung erkunden. Bei Erwachsenen dagegen entsteht schnell die Frage: „Was machen Sie da?“ Gerade dadurch wurde sichtbar, wie ungewohnt und zugleich naheliegend es sein kann, öffentlichen Raum körperlich, spielerisch und aufmerksam zu erfahren. Das Paar war absolut überzeugt von unserer Praxis nach dem kurzen Austausch.
Führen und Folgen im Flow
Nach und nach gingen wir in freieren Kontakt über. Führen und Folgen geschah nun auch über Berührungen von Arm zu Arm oder Rücken zu Rücken; zeitweise tanzten wir zu dritt. Die Übung bestand darin, zugleich nach innen zu horchen — Was ist mein Impuls? — und nach außen zu lauschen: Was bietet mir die andere Person an? Aus diesem doppelten Horchen entstand immer wieder ein gemeinsamer Flow.
Inzwischen war die Sonne ziemlich heiß geworden. Wir verließen unseren „Ausflugsort“ zwischen den übergroßen Schilfhalmen und zogen uns für ein abschließendes Sharing wieder in den Schutz unserer kleinen Baumgruppe zurück. So endete die Erkundung an einem Ort, der sich vom zufälligen Treffpunkt zu einem vielschichtigen Bewegungs- und Wahrnehmungsraum verwandelt hatte.
© Fotos von Judith Ritter-Davis