Stadtflanieren – Von inneren Bildern zu poetischen Worten
Ein Spaziergang mit Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum durch Frankfurt-Bockenheim, vom Westbahnhof über den Kurfürstenplatz und die Leipziger Straße bis zur Dondorfdruckerei. Mit offenen Sinnen, neugierigen Blicken und poetischen Schreibübungen erkundeten wir, wie Orte auf uns wirken und welche Geschichten, Erinnerungen und Bilder sie in uns hervorrufen.
Ein Anfang im Regen
Der Samstag begann regnerisch, doch schon bald hatten wir das Wetter beinahe vergessen. Der Regen ging in leichtes Nieseln über oder hörte zwischenzeitlich ganz auf. Am Frankfurter Westbahnhof kamen wir zusammen und begannen mit einem Check-in zur Frage: „Worüber hast du das letzte Mal gelacht?“ Nach einer Einstimmung durch Christelle machten wir uns auf den Weg.
Mit verschiedenen Wahrnehmungsfragen und kleinen Impulsen, die Christelle uns mitgab und die wir später untereinander tauschten, begannen wir, die Gegend bewusster wahrzunehmen. Wir schlenderten langsam, beobachteten, hörten hin und ließen unsere Gedanken mit-wandern.
Zwischen Flickenteppich und Parkidylle
Unser Weg führte zunächst durch die Kurfürstenstraße, die uns an dieser Stelle wie ein Flickenteppich unterschiedlicher Straßenstrukturen und Nutzungen erschien. Ein Stadtraum, den wir auf den ersten Blick wohl kaum als schön bezeichnet hätten. Doch gerade hier begann unsere Erkundung: Was nehmen wir wahr, wenn wir nicht nach Schönheit suchen, sondern einfach aufmerksam sind?
Einen deutlichen Kontrast dazu bildete der anschließende Kurfürstenplatz mit seiner parkartigen Gestaltung. Grünflächen, Bäume, Sitzgelegenheiten und der monumentale Brunnen im Zentrum eröffneten einen anderen Raum. Erinnerungen an frühere Studienzeiten tauchten auf: an Geräusche spielender Menschen, Picknicks und Partys.
Gleichzeitig begannen wir, die Gestaltung selbst zu hinterfragen. Warum sieht dieser Ort so aus? Welches Menschenbild, welche Vorstellungen von Natur, Ordnung und öffentlichem Leben spiegeln sich in seiner symmetrischen Anlage?
Side-Info: Tatsächlich wurde der Kurfürstenplatz bereits 1868 nach einem Entwurf von Heinrich Siesmayer nach barockem Vorbild angelegt. Der zentrale Obeliskbrunnen aus rotem Mainsandstein entstand 1913 nach Entwürfen von Caspar Lennartz und Emil Hub und wurde 1914 eingeweiht. Seine Formensprache erzählt von einer anderen Zeit und ihren Vorstellungen eines repräsentativen öffentlichen Raums.
kunst-im-oeffentlichen-raum-frankfurt.de
Von der Ruhe in die Geschäftigkeit
Unser bis dahin ruhiger Spaziergang sollte sich mit der näher rückenden Leipziger Straße deutlich verändern. Durch das langsame Schlendern, die Wahrnehmungsimpulse und die ersten Gespräche hatten wir unsere Antennen für die Atmosphären der Stadt bereits fein ausgerichtet.
Auf der Leipziger Straße empfing uns plötzlich eine ganz andere Dichte und Geschwindigkeit. Menschen, Autos, Fahrräder, Roller, Geschäfte und Straßenschilder konkurrierten um unsere Aufmerksamkeit. Die engere Straße und das geschäftige Treiben beeinflussten unmittelbar unser Gehtempo und unsere Wahrnehmung.
Wie stark der Stadtraum unser Verhalten mitgestaltet, wurde hier besonders deutlich. Der Wechsel von der ruhigen, geordneten Parkanlage in die lebendige Geschäftsstraße war nicht nur sichtbar und hörbar, sondern auch körperlich spürbar.
Ein grüner Zwischenstopp
Vor dem Depot hielten wir inne, tauschten unsere Eindrücke aus und betrachteten die Elemente dieses Ortes genauer. Besonders das grüne Stadtmöbel „Carlo“, das im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 installiert worden war, begeisterte uns ausnahmslos.
Auch hier wurde deutlich, wie einzelne gestalterische Eingriffe unsere Aufmerksamkeit verändern und neue Beziehungen zu einem vertrauten Stadtraum ermöglichen können.
Wenn Wahrnehmung zu Sprache wird
An der Dondorfdruckerei im community Raum 2og dondorf angekommen, wechselten wir vom Flanieren zum Schreiben. Christelle führte uns mit verschiedenen Schreibanleitungen an kurze poetische Formen heran. Es entstanden Elfchen, List Poems und Texte aus dem automatischen Schreiben.
Was wir unterwegs gesehen, gehört, gespürt oder erinnert hatten, fand nun seinen Weg in Worte. Aus einzelnen Beobachtungen wurden Bilder, aus Eindrücken kleine Geschichten und Gedichte. Anschließend trugen wir unsere Texte einander vor.
So wurde sichtbar, wie unterschiedlich wir denselben Stadtraum erlebt hatten und wie viele Perspektiven in einem gemeinsamen Spaziergang zusammenkommen konnten.
Es war ein schöner, runder Abschluss unserer Erkundung. Wir hatten die Stadt nicht nur durchquert, sondern ihr aufmerksam zugehört, uns von ihr überraschen lassen und sie schließlich in eigene Worte übersetzt. Ein Spaziergang, bei dem aus Wahrnehmung Poesie wurde.
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© Fotos Judith Ritter-Davis
Jede:r bekam eine einzigartige “Überraschungstüte”: mit eine kleinen selbstgebastelten Heftchen mit Affirmations-Cover, einem Stift und einer Impulsfrage – die Fragen haben wir später auch untereinander getauscht.
Element des Brunnens am Kurfürstenplatz
Unsere Wegstrecke vom Westbahnhof über die Kurfürstenstraße und Leipziger Straße hin zur Dondorfdruckerei.
Auszüge aus unseren Ergebnissen…
Auszüge aus unseren Ergebnissen…
Auszüge aus unseren Ergebnissen…